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www.RIF-eV.de | Sozio-technische Fähigkeitsbewertung | 06.12.2019

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Sozio-technische Fähigkeitsbewertung

Das Ziel der Fähigkeitsbewertung besteht darin, die Evaluation von CPPS-Lösungen zu unterstützen (siehe Abbildung 16). Der Ausgangspunkt ist dabei die Bewertung des Ist-Zustands der Digitalisierung, um die aktuelle Situation des Unternehmens zu verstehen und transparent darzustellen. Hierzu wird ein Kriterienkatalog mit definierten Ausprägungsstufen bereitgestellt, der im Folgenden detaillierter vorgestellt wird. Das Ergebnis der Bewertung ist die Kennlinie der Digitalisierung, die eine grafische Interpretation des Ist-Zustands ermöglicht.

Im zweiten Schritt kann der Zielzustand für den jeweiligen Unternehmensbereich definiert werden. Hierbei steht die interne Abstimmung und Festlegung des zu erreichenden Ziels im Fokus. Die Grundlage für diese Bewertung stellt die ausgewählte CPPS-Lösung dar. Sofern mehrere Lösungen zur Auswahl stehen sind verschiedene Bewertungen anzulegen. Die vorgegebenen Kriterien und Ausprägungsstufen unterstützen hierbei die Einstufung vorzunehmen und ggf. auch Erweiterungen der CPPS-Lösung zu diskutieren. Das Ergebnis ist ebenfalls die Ermittlung einer Kennlinie, in diesem Fall als Spezifikation des Zielzustands.

Abbildung 16: Status der Digitalisierung zur Fähigkeitsbewertung

Nach der Bewertung von Ist- und Zielzustand ermöglicht der Vergleich der beiden Kennlinien die Identifikation von Handlungsfeldern. Bereiche, in denen sich Abweichungen zwischen Ist- und Zielzustand erkennen lassen, sind detaillierter zu analysieren und Handlungsmaßnahmen abzuleiten.

Entgegen der weitverbreiteten Vorgehensweise anderer Modelle bzw. Instrumente einen Reifegrad zu bestimmen, wird hier ein alternativer Ansatz gewählt. Ein Reifegrad impliziert, dass die höchste Ausprägungsstufe als das allgemeingültige Ziel definiert wird, welches es zu erreichen gilt. Dementsprechend wird das Bestreben unterstützt, eine möglichst weitgreifende Digitalisierung zu realisieren, ohne deren Konsequenzen für die Beschäftigten oder die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens zu hinterfragen. Außerdem besitzen Unternehmen durch unterschiedliche Markt- bzw. Kundenanforderungen, Strukturen und weitere Rahmenbedingungen variierende Voraussetzungen und Zielsetzungen für die Digitalisierung. Daher wird hier die Kennliniendarstellung verfolgt, die einen unternehmensspezifischen Zielzustand darstellt, basierend auf der in Kapitel 3.2 - Modul 1 ausgewählten CPPS-Lösung. Dieser Zielzustand muss nicht zwangsläufig ein höheres Maß an Digitalisierung aufweisen, sondern vielmehr einen auf das Unternehmen und dessen Rahmenbedingungen abgestimmten Grad der Digitalisierung. Die Gegenüberstellung der Kennlinien von Ist- und Zielzustand ermöglicht es neue Handlungsfelder zu identifizieren und für Änderungen im Unternehmen zu sensibilisieren, bzw. die Ausgestaltung der Lösung an das Unternehmen anzupassen.

Anwendung der Fähigkeitsbewertung in Form eines Workshopkonzepts

Zur Durchführung der Bewertung wurde ein Workshopkonzept erarbeitet, dessen Ablauf in Abbildung 17 dargestellt ist. Auf Basis der Erfahrungen aus dem Forschungsprojekt wird empfohlen die Bewertung in einem Team durchzuführen, dass idealerweise aus Vertretern der Leitungsebene, Shopfloor(-naher) Mitarbeiter sowie ausgewählter Experten aus Fachabteilungen besteht. Das Team sollte so zusammengesetzt werden, dass es in der Lage ist, sowohl technische, organisatorische als auch personelle Themen zu beurteilen. Die Teamgröße kann frei gewählt werden, es ist jedoch zu beachten, dass mit zunehmender Gruppengröße entweder die Zeit für Diskussionen ansteigt oder die einzelnen Teilnehmer weniger Möglichkeiten haben, sich in die Beurteilung einzubringen. Zu empfehlen ist eine Teamgröße von etwa fünf Personen.

Für die Ausgestaltung der CPPS-Lösungen und die Anpassung an das Unternehmen ist möglichst ein konstruktiver Dialog der Teilnehmer zu schaffen. Die Interpretation der Auswirkungen auf das Unternehmen sowie zugehörige Gestaltungsaspekte sind hervorzuheben. Die Betrachtungsebene kann von einem Arbeitssystem bis hin zu einen ganzen Bereich variieren. Dementsprechend sind die Diskussion und die Besetzung des Teams zu gestalten.

Abbildung 17: Workshopkonzept zur Fähigkeitsbewertung (Nöhring et al. 2018)

Erweiterung der sozio-technischen Fähigkeitsbewertung zum „Kompass Digitalisierung“

Im Rahmen eines Transferprojekts mit dem assoziierten Partner IG Metall wurden die beschriebenen Ergebnisse zur sozio-technischen Fähigkeitsbewertung erweitert und in ein übergreifendes Bewertungsinstrument für die Digitalisierung die Abschätzung von Arbeitsfolgen überführt, den Kompass Digitalisierung, siehe Abbildung 18. Das Instrument erlaubt es, den Stand der Digitalisierung in einem Betrieb detailliert zu erfassen (Modul 1). Die Analyse erstreckt sich auf die Bereiche Strategie, Qualität der Gestaltungsprozesse und die Schnittstellen zwischen den Faktoren Technik, Organisation und Mensch. Daneben ermöglicht das Instrument die Beschreibung und Beurteilung von konkreten betrieblichen Digitalisierungsprojekten (Modul 2). Kernbestandteil dessen ist eine sozio-technische Beurteilung auf der Grundlage von Kriterien zur Gestaltung guter, digitaler Industriearbeit im Rahmen eines partizipativen Ansatzes. Das Instrument sowie eine zugehörige Broschüre mit detaillierten Informationen zum Instrument werden über die STEPS-Homepage (www.steps-projekt.de) zur Verfügung gestellt. Zusätzlich erfolgt die Verbreitung des Kompasses Digitalisierung über die IG Metall in Form von Betriebsräte-Schulungen.

Abbildung 18: Übersicht des Kompasses Digitalisierung (Deuse et al. 2019)