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www.RIF-eV.de | Der praktische Typ - Wir machen nur das Nützliche | 06.12.2019

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Der praktische Typ - Wir machen nur das Nützliche

Dieser Typ beschreibt Unternehmen, die vor allem praktikable Lösungen umsetzen wollen. Dabei werden einfache und bestehende Dinge/ Standards genutzt und diese auf eine niederschwellige und anwenderorientierte Art und Weise im Unternehmen eingebunden. Hervorzuheben ist, dass diese Unternehmen aktiv nach Lösungen suchen und diese selbst für das eigene Unternehmen anpassen. Zentrales Moment ist dabei eine einfache und auf bestehenden Standards aufbauende Integration von Technologie. Im Folgenden sollen nun die Merkmale dieses Typs genauer betrachtet werden.

-          Arbeitsorganisation – Merkmal und Ausprägung

Die bisherige Arbeitsorganisation dieses Typs wird meist nur inkrementell verändert. Die Einführung neuer Technologien in den Tätigkeitsablauf erfolgt meist schleichend und stellt vor allem die Verbesserungen durch die Technologie in den Mittelpunkt. Die Beschäftigten werden anhand der Vereinfachungen oder Verbesserungen langsam an die neuen Abläufe herangeführt. Diese Einführungsstrategie setzt zudem darauf, dass zunächst Beschäftigte angesprochen werden, die technischen Veränderungen offen gegenüberstehen. Diese Beschäftigten werden als so genannte Promotoren gesehen und können die Neuerungen zuerst „testen“. Bei positiver Resonanz auf die Einführung können weitere Beschäftigte dann einfacher für die Veränderungen gewonnen werden. Dieses Vorgehen ist deshalb erfolgreich, da der Fokus der Digitalisierungslösung stark auf die Nützlichkeit und Vereinfachung bisheriger Arbeitsabläufe ausgerichtet ist. Grundsätzlich ist hier aber vor allem ein relativ hoher Entscheidungsspielraum der Beschäftigten gegeben. Der gesamte Einführungsprozess verläuft ergebnisoffen. Nur so können die nützlichen Dinge für das Unternehmen herausgearbeitet werden. Zwar wird eine mögliche Lösung durch das Management vorgegeben, diese wird jedoch auf ihre Eignung im Unternehmen überprüft und ggfs. angepasst, was zu einer völligen Neukonfiguration führen kann, wenn sich die ursprüngliche Lösung als nicht nutzbar herausstellt.

Es finden sich jedoch durchaus geänderte Arbeitsabläufe für die Beschäftigten, die nicht nur positiv zu sehen sind. So kann eine zunehmende Digitalisierung auch zu einer erhöhten Arbeitsdichte führen. Gleichzeitig sind die in diesem Fall beobachteten veränderten Zuschnitte von Arbeit auch in negativer Sicht nutzbar. Durch eine digitale Erfassung kann recht einfach auf die Leistung des Einzelnen geschlossen und diese transparent gemessen werden. Die Vereinfachung bestimmter Arbeitsabläufe hat somit eine mögliche, erhöhte Kontrolle zur Folge. Gleichzeitig werden bestimmte Arbeitsschritte zukünftig durch digitale Lösungen ersetzt. Dies hat zur Folge, dass eventuell noch bestehende Arbeitsplätze zukünftig wegfallen können. Auch die innerbetriebliche Kommunikation kann zukünftig in hohem Maße digital ablaufen und führt damit ebenfalls zu einer Veränderung der Arbeitsorganisation.

Unter dem Label einer großen Nützlichkeit finden sich hier durchaus kritische Punkte in Bezug auf die Arbeitsorganisation. Diese Einführungsstrategie muss daher durchaus ambivalent gesehen werden. Einerseits ermöglicht sie ein recht hohes Maß an Einbindung der Beschäftigten. Andererseits kann eine derartige Einführungsstrategie auch dazu führen, dass derartige Veränderungen im Nachhinein nur schwer reversibel sind, da sie eben im Vorfeld von einer möglichst großen Zahl von Beschäftigten mitgetragen wurden. Die Auswirkungen auf die Arbeitsorganisation sind hierbei eher inkrementell zu bezeichnen. Zwar lassen sich eventuell einzelne Arbeitsschritte zukünftig automatisieren, diese Automatisierung wird jedoch vor allem das so genannte „Back-Office“ treffen, da Tätigkeiten aus diesem Bereich Teil der Digitalisierungslösung sind (An- und Abmeldung, Ersatzteilbeschaffung, Auftragserfassung etc.). Grundsätzlich kann diese Einführungsstrategie ein hohes Maß an Identifizierung mit der Lösung schaffen, was für den weiteren Fortschritt im Unternehmen hilfreich sein kann, da sie von den Betroffenen mitgestaltet und mitgetragen wird.

-          Tätigkeiten und Qualifikationsanforderungen – Merkmal und Ausprägung

Die hier vorzufindende inkrementelle und niederschwellige Einführung von Digitalisierungslösungen verändert die Tätigkeiten nur graduell. Zudem erlaubt der Einführungsprozess auch Rückschritte und Anpassungen, was ebenfalls dazu führt, dass sich Tätigkeiten und Anforderungen an die Beschäftigten nicht sprunghaft verändern. Grundsätzlich sind jedoch grundlegende Fähigkeiten in Bezug auf die gewählte Digitalisierungslösung erforderlich. Die Konzentration auf sinnvolle und/ oder nützliche Lösungen führt dazu, dass die Fähigkeiten entweder schnell erlernbar, oder schon vorhanden sind. So verändern sich die Tätigkeiten auf dem Hallenboden nur graduell und in kleinen Schritten, was auch für die Qualifikationsanforderungen gilt. Daher kann zusammenfassend davon gesprochen werden, dass sich in diesem Fall eher kleine Veränderungen mit Blick auf zukünftige Tätigkeiten finden lassen. Eine Abwertung bisheriger Tätigkeiten ist hier zunächst nicht erkennbar. Vielmehr kann aufgrund der Einführung von Digitalisierungslösungen eher von einer – wenn auch nur graduellen – Aufwertung von Tätigkeiten gesprochen werden, da Aufgrund der Lösung hier oft mehr Einfluss bei den Beschäftigten auf dem Hallenboden (Rückmeldung über Fehlmengen, Vereinfachung der bisherigen Arbeitsabläufe etc.) festgestellt werden kann.

Auf der Ebene des Managements ist eine Veränderung deutlicher erkennbar. Die neuen Lösungen bzw. deren Einführung erfordern in vielen Fällen ein recht hohes Maß an technischem Know-how. Gleichzeitig gilt es, die hinter der eigentlichen Lösung stehenden Zusammenhänge zu verstehen bzw. diese auch in digitaler Form aufzubereiten (Datenbanken, Programmierung etc.). Dies wird in den meisten Fällen nicht vom eigenen Management zu leisten sein (was auch aufgrund der Unternehmensgröße – KMU – zu beachten ist) und wird daher vielfach als Dienstleistung zugekauft. Dies gilt es grundsätzlich zu beachten, denn es besteht die Gefahr sich hier von Dienstleistern abhängig zu machen.

Über das gesamte Unternehmen betrachtet kann hier nicht von einer extremen Veränderung von Tätigkeiten und/ oder Qualifikationsanforderungen von Industriearbeit gesprochen werden. Gleiches gilt auch in Bezug auf die Auf- oder Abwertung von Industriearbeit. Aufgrund der eher offenen und in Teilen partizipativen Einführung ergibt sich hier eher ein stetiger Wandel, der auch zukünftig kaum starke Veränderung erwarten lässt. Der gewählte Entwicklungs- und Einführungspfad spricht mehr für eine schrittweise Entwicklung der bisherigen Qualifikationen und Erweiterung der Tätigkeiten der Beschäftigten.

-          Technologieadaptionsfähigkeit – Merkmal und Ausprägung

Die Adaptionsfähigkeit ist in diesem Fall mit dem Fokus auf eine als praktisch anzusehende Lösung zu betrachten. So werden hier keine umfassenden technischen Veränderungen eingeführt und auch keine tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitsorganisation vorgenommen. Grundsätzlich kann vor diesem Hintergrund die Adaptionsfähigkeit der neuen Technologie hier durchaus als hoch eingestuft werden. Dies liegt jedoch auch an der spezifischen Form der Einführung, die zunächst auf Pilotbereiche bzw. Pilotarbeitsplätze setzt, an denen die neue Lösung dann eingeführt wird. Dies hat zwei unterschiedliche Gründe. Zum einen kann die eigentliche Technologie so getestet werden. Zum anderen kann über die Auswahl von „Key-Usern“ ein erster Schritt in Richtung Akzeptanz gemacht werden, da hier Beschäftigte als sogenannte Promotoren ausgesucht werden, die grundsätzlich Interesse an technischer Veränderung haben. Der eigentliche Einführungsprozess betont zunächst die Vorteile in Bezug auf die Veränderung der Arbeitsabläufe. Dabei ist zu beobachten, dass die Beschäftigten mit den Veränderungen durchaus offen umgehen und so schnell die Scheu vor den technischen Lösungen verlieren. In einem zweiten Schritt wird dann vielfach der Funktionsumfang der Technik erhöht, um so das volle Potenzial nutzen zu können. Begleitet wird dies durch ein fortlaufendes Feedback über den gesamten Prozess durch die Beschäftigten. In einem letzten Schritt werden dann alle geplanten Bereiche mit den entsprechenden technischen Lösungen ausgerüstet.

Die Technologieadaptionsfähigkeit des Unternehmens muss daher in unterschiedlichen Bereichen betrachtet werden. Zum einen auf der Ebene der Unternehmensführung und damit der Planungsebene, die in starkem Maße von der Nützlichkeit der Digitalisierungslösung getrieben ist. Es wird daher auf eine eher anwendungsorientierte Lösung gesetzt, deren volles Potenzial erst in späteren Ausbaustufen genutzt werden kann oder bewusst nicht genutzt wird, um vor allem eine leichte Nutzbarkeit gewährleiten zu können. Auch mögliche Standards werden so gewählt, dass sie breit nutzbar sind. Auf der Anwendungsebene werden damit möglichst einfache und schnell nutzbare Lösungen implementiert, die eine sehr geringe Einarbeitungszeit erfordern. Der Fokus auf die Nützlichkeit der Lösung soll eine schnelle und breite Einführung gewährleisten.

Grundsätzlich kann die Technologieadaptionsfähigkeit hier als eingeschränkt bezeichnet werden, da diese nur Technologien betrachtet, die für das Unternehmen nützlich sind. Es wird daher auf eben diese Möglichkeiten fokussiert, was möglicherweise andere Lösungen ausblendet.

-          Akzeptanz der Lösung – Merkmal und Ausprägung

Die besondere Einführung der technischen Lösung über Pilotbereiche und Pilotbeschäftigte sowie die Fokussierung auf möglichst nützliche Lösungen führen in diesem Fall zu einer hohen Akzeptanz. Insbesondere die Einbindung der Beschäftigten und das fortlaufende Feedback kann als wesentliche Größe für diese hohe Akzeptanz gesehen werden. Gleiches gilt für die fehlertolerante Einführung, die über mögliche Rückschritte und Anpassungen dazu führt, dass ein ständiges Monitoring stattfindet. Hier stellen die Rückmeldungen der Beschäftigten und die Feedbackmöglichkeit ein wesentliches Moment dar, welches aktiv genutzt wird und auch schnell Einzug in die technische Lösung findet.

Zusammenfassend ist so zu betonen, dass ein breiter und offener Einführungsprozess als wesentliches Element für die Akzeptanz angesehen werden kann, da er die Beschäftigten und ihre Ideen einbindet. Im hier gezeigten Typus sind es zudem die nützlichen Elemente einer technischen Lösung, die in den Mittelpunkt gestellt werden. Ein solches Vorgehen kann unter Einbezug der Beschäftigten die Akzeptanz für die Industrie 4.0-Lösung erhöhen und führt schlussendlich dazu, dass die Einführung solcher Veränderungen reibungsloser und schneller ablaufen kann.